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Warum Ally Pally kein Weihnachtslied ist ...

Warum Ally Pally kein Weihnachtslied ist ...

London in der Weihnachtszeit ist auf jeden Fall einen Besuch wert. Man trifft viele offene Menschen, man genießt eine fröhliche Stimmung und sammelt einmalige Erlebnisse. Dafür darf man aber auf keinen Fall in die Innenstadt, zwischen all die nervenden Touristen und die fotografierenden Asiaten und die von den Touristen und Asiaten genervten Einwohner der Stadt. Zuflucht findet man im Alexandra Palace, kurz Ally Pally, im Norden der Stadt. Jedes Jahr in der Weihnachtszeit findet hier die Weltmeisterschaft in der geilsten Sportart der Welt statt: Darts. 


Okay, ich sehe ein, bei den meisten Menschen brechen bei dem Wort Darts keine Vulkane der Freude aus, aber ich bitte euch alle, gebt mir eine Chance euch zu zeigen, dass es sich nicht nur lohnt nach London zur Darts-WM zu fahren, sondern auch schon daheim im Fernseher das Spektakel zu verfolgen!


Angefangen beim Publikum: Nenne mir eine Sportart, bei der man als bloßer Zuschauer seelenlos herumbrüllen, wild in Glückseligkeit tanzen und sich dabei die Birne zu schütten kann, alles in einem Cinderella-Kostüm (als 30-jähriger Mann, versteht sich) und man dennoch zu der breiten Mehrheit gehört. Du ahnst es, das geht nur beim Darts. Und keine Angst vor Fremdscham, bei mir hat er sich abgelegt, als sich ein Mann am Nachbartisch, auf dem Nachbartisch, ohne Anlass oder Ankündigung auszog und das war nicht mal in London, sondern in Riesa, also quasi sächsische Nachbarschaft.


Auch ist das Spiel nicht gerade Komplex: dreimal werfen, hinten anstellen. Den Rest versteht man nach fünf Minuten anschauen, entweder durch die eigenen geistigen Fähigkeiten oder weil es ein Kommentator im Viertelstundentakt erläutert, “nochmal für die, die jetzt erst eingeschaltet haben”. Und keine Angst: die Stimmung schwappt von London ohne Probleme auch durch die Mattscheibe oder das Handydisplay oder den Monitor direkt zum fanatischen Konsumenten.


Was auch gesagten werden muss: Darts ist einer der tolerantesten Sportarten des Planeten. Der jüngste der diesjährigen WM ist 17 Jahre alt, der älteste jenseits der 60. Eine einheitliche Qualifikation ermöglicht jeden Menschen auf diesem Planeten die Teilnahme, selbst wenn er noch nie in seinem Leben einen Pfeil geworfen haben sollte. Egal wer, von wo und wie alt, jeder darf mitmachen, sogar Frauen. Ich hebe das so hervor, weil das nicht selbstverständlich ist, Darts ist wahrlich nicht der Sport der Feministen. Nicht weil Darts-Spieler keine Frauen mögen, im Gegenteil (ich verweise hiermit in andächtiger Nostalgie auf die Walk-on-Girls, bei Interesse einfach mit dem Stichwort Darts googeln), aber Männer spielen einfach ungern gegen Frauen, die Angst vor der Schmach einer Niederlage ist zu groß.


Wenn dich das alles nicht überzeugt hat, dann ist euch wirklich nicht zu helfen, mein letzter Appell lautet daher: schalte doch ab morgen einfach immer mal bei sport1 rein oder falls du diesen unaussprechbaren Anbieter für Live-Sport abboniert hast, tu es da, ihr werdet es nicht bereuen. Egal, wie ihr Darts dann unterm Strich findet, alle mal besser als die ganzen ausgenudelten Weihnachtsfilme ist es allemal!




(tkl)